Innenhafen Duisburg – Altstadtpark „Garten der Erinnerung“


Der Garten

Ein Garten als lebendes Kunstwerk
"Ich arbeite nicht gegen die Natur, sondern berücksichtige die Natur bei meiner Arbeit. Ich fühle die Dinge zuerst, dann lasse ich mich leiten. Dabei entdecke ich die historischen Wurzeln der Dinge und ihre kulturelle Vernetzung. Eigentlich ähnle ich ein wenig dem Samenkorn. Wie sich meine ursprüngliche Idee entwickelt, hängt von der Umgebung ab, die ich vorfinde. Ich zerstöre nicht, ich integriere." (Dani Karavan, 1986)

Garten der Erinnerung

Wollte man die Arbeiten des israelischen Künstlers Dani Karavan typisieren, so wären sie weder der Bildhauerei noch der Land-Art zuzuordnen. Auch der Gartenkunst sind seine Arbeiten nur schwer zuzuschreiben. Vielleicht kann man seine Werke besser als Environment (engl.: begehbare Raumgestaltung) beschreiben, eine den umgebenden Raum vollkommen einbeziehende Gestaltungsform. Karavans Arbeiten leben von der Wechselwirkung aus Form und Material, Licht und Schatten, Stein und Pflanze. Seine Kunstwerke stellen im wahrsten Sinne des Wortes "Lebensräume" dar.

Mit den verlassenen Lagerhallen im Innenhafen Duisburg bot sich dem Künstler im Jahre 1998 die Chance, ein einzigartiges plastisches Umfeld zu komponieren, das aus natürlichen Elementen wie Erde und Wasser, Gras und Bäumen und den Gebäuderesten des ehemaligen Hafens bestehen sollte. Alle Formen und Linien des neuen Parks wurden nach dem Originalgrundriss des alten Quartiers gebaut. Weiße Bänder aus Marmorbeton zeichnen beispielsweise in Sitzmauerhöhe die alten Grundrisslinien nach. Sie gliedern den gesamten Park und bilden den Rahmen für unterschiedliche Vegetationsbilder. Bauliche Überreste der Nachkriegsarchitektur wurden als Aussichtstürme umgenutzt oder in die Vegetationsplanung einbezogen.

Garten der Erinnerung

Die eigentümliche Wandlung der Gebäudereste zu festen Bestandteilen des Parks wird besonders deutlich durch die Pflanzung von Kiefern auf den Türmen und von Gleditschien auf dem erhabenen Boden einer früheren Speditionshalle („Ludwigforum“). Hier werden Assoziationen zu den mittelalterlichen „Torre Guinigi“ im toskanischen Lucca geweckt.

Die übrigen, sehr sparsam verwendeten Baumstandorte sind als Solitäre oder in kleinen Gruppen auf den jeweiligen Ort bezogen. Form, Größe und Laubfarbe der Bäume wurden aus dem räumlichen und funktionalen Kontext skulptural entwickelt. Die Kriterien Habitus, Blüte, Herbstfärbung und Erscheinung im Winter standen bei der Auswahl im Vordergrund.

In den kleineren, durch die weißen Sitzmauern gegliederten Flächen, sind durch gezielte Einsaat oder Substratveränderung sehr unterschiedliche Vegetationsbilder entstanden. Verschiedene Typen von Schotter- und Magerrasen oder ruderale Wiesen mit Hochstauden bilden im Jahresverlauf einen starken Kontrast zum kurz geschnittenen Parkrasen (Vegetationsplanung: DANIELZIK+LEUCHTER). Auf einer größeren Fläche mit dreieckigem Grundriss wurden Abbruchteile so platziert, dass sie als Skulptur und ruderaler Vegetationsstandort zugleich interpretiert werden können. Durch gezieltes Entfernen (Kratzdistel, Reynoutria, Brennessel) und Hinzufügen (Weißdorn, Wildrosen, Schlehen) von Pflanzen und durch die natürlich einsetzende Spontanvegetation entstand hier ein „Steingarten“, in dem die Fusion von Gebäuderesten und wilder Vegetation sehr schön zu sehen ist.

Garten der Erinnerung

Damit der Park im zentralen Abschnitt des Innenhafens gut nutzbar ist, nehmen die geschnittenen Rasenflächen einen großen Anteil ein. Sie sind vielfältig nutzbar und gehen fließend in die Freiflächen des neuen Jüdischen Gemeindezentrums über. Besonders die durch Betonwellen gefassten Rasenwellen vor dem Hafenbecken sind für Kinder und Jugendliche sehr anziehend. Für Skater, BMX-Fahrer und neugierige Hunde sind die „Waves“ immer wieder eine Herausforderung und treffen damit genau die von Karavan beabsichtigte Nutzung:

„Meine Arbeiten entstehen in der Regel, um von Menschen benutzt zu werden. Ohne Menschen existiert meine Kunst nicht. Meine Arbeiten sind nicht zum Betrachten, sondern zum Erleben da.“

Die Hauptachse des Parks besteht aus einem Patchwork verschiedener Pflastermaterialien, den Resten der Gebäude, die hier ehemals standen. Erinnerungen aus der Zeit der Hafennutzung werden konserviert. In einigen ausgewählten Flächen wurden Blumenzwiebeln in differenzierten Mustern gesteckt, die im Frühjahr für einen besonderen Blühaspekt sorgen

Wegen seines großen Getreideumschlags wurde der Duisburger Innenhafen einst als „Brotkorb des Ruhrgebiets“ bezeichnet. Um 1900 florierte hier die größte Mühlenindustrie Westdeutschlands. Die schnell wachsende Ruhrgebietsbevölkerung brauchte eine gesicherte Getreidezulieferung, die über die Wasserstraßen aus der ganzen Welt nach Duisburg führte. Um 1925 existierten im Innen- und Außenhafen 115 Getreidemühlen, die jährlich bis zu 1 Million Tonnen Getreide umschlugen. Aus dieser historischen Bedeutung des Innenhafens wurde die Idee der „Drei-Felder“ entwickelt: Drei benachbarten Flächen werden im Verlauf des Jahres umschichtig mit Getreide, Sonnenblumen oder verschiedenen Zwischensaaten bewirtschaftete und schaffen so eine Wechselbepflanzung mit hoher Symbolkraft.

Garten der Erinnerung

Inzwischen hat sich der Innenhafen Duisburg zu einem Ort des Arbeitens, Wohnens und der Kultur entwickelt. Entlang des Hafenbeckens wurden alte Speicher- und Mühlengebäude zu Büros und Gastronomiebetrieben umgebaut. Die → Küppers- und die Wehrhahnmühle sind gut besuchte Museen. Innerhalb des "Gartens der Erinnerung" hat sich in den renovierten Gebäuden eine Galerie mit einem zum Park geöffneten „Schaufenster der Kunst“ etabliert. Die Komponisten Gehardt Stäbler und Kunsu Shim bewohnen die zweite Hälfte des Gebäudes und nutzen häufig die Möglichkeiten des Außenraums im Rahmen ihrer experimentellen Musikperformance.

Das vom israelischen Architekten Zvi Hecker geplante → jüdische Gemeindezentrum in Form eines gefächerten Bauwerks – an ein aufgeschlagenes Buch oder eine offene Hand erinnernd - öffnet sich zum Park. Die aus den Wandscheiben resultierenden Linien werden in der Außenfläche aufgenommen und mit einer Wasserrinne bis zum Hafenbecken weiterentwickelt. Die jüdische Gemeinde Duisburg – Mülheim – Oberhausen hat hier, unweit der 1938 zerstörten Synagoge an der Junkernstraße, eine neue Heimat an prominenter Stelle gefunden.

Der Brückenschlag über das Hafenbecken in Richtung Norden wird vom westlichen Ende des Parks, am Izahak Rabin Platz, vom „Brückenbaukünstler“ Prof. Jörg Schlaich aus Stuttgart (Schlaich, Bergermann und Partner sbp gmbh) durch eine so genannte Buckelbrücke hergestellt. Die für Schiffsdurchfahrten notwendige Höhe wird durch Anspannen der Brücke über Stahlpylone zu einem „Katzenbuckel“ erreicht. Der Brückensteg hebt sich beim Spannen der Zugseile um rund 8 Meter gegenüber der Normalhöhe zum Hafenbecken.

Mit einsetzender Dunkelheit wird der „Garten der Erinnerung“ von den Lichtplanern Belzner und Hofmann zu einer gelungenen Lichtarchitektur verwandelt. Die wesentlichen vertikalen Elemente des Parks werden besonders in Szene gesetzt und machen den Park auch bei Nacht zu einem unverwechselbaren Ort.