Landschaftspark Rheder


Rheder

Als die Ritter von Brakel, die im Flusstal der Nethe ausgedehnte Ländereien besitzen, 1384 aussterben, fällt Rheder an den bischöflichen Landesherrn in Paderborn, der es den von Mengersen zum Lehen gibt. 1686 wird ihnen außerdem das Privileg erteilt, "Bier zu browen und auszuschenken", das seitdem in der familieneigenen Dampfbrauerei hergestellt wird. Auf der Südseite des Weges zur Nethe kann man noch die Umrisse der ehemaligen Eisteiche entdecken, die früher das Eis für den Bierlagerkeller lieferten.

Burchardus Bruno Freiherr von Mengersen beauftragt im Jahre 1716 die bekannten westfälischen Baumeister von Corfey und Pictorius sowie den jungen Johann Conrad Schlaun eine Vorburg mit Wassergraben zu errichten. Der barockgelbe Baukörper beeindruckt heute noch durch seine Länge und die seitlichen Achteckpavillons.

Im Jahre 1750 lassen Franz Joseph Freiherr von Mengersen und seine Frau ein schlichtes zweigeschossiges Herrenhaus mit rosafarbenem Anstrich erbauen. In dieser Spätzeit barocker Gartenkultur schaffen sie außerdem einen ersten Landschaftspark. Als kunstsinniger Mann unternimmt ihr Enkelsohn Joseph Bruno Graf von Mengersen (1804 - 1873) viele Reisen. Hierdurch inspiriert wandelt er den Park ab 1838 in einen ‚klassischen' Landschaftsgarten um und erweitert ihn auf rund 70 Hektar. Orientiert an den ihm bekannten Gartentheorien Pückler-Muskaus verzichtet er auf fremdländische Gehölze. Durch die Pflanzung verschiedener Laub- und Nadelgehölze ‚malt' er den Park in verschiedenen Grüntönen. In gleicher Weise legt er geschwungene Wege an, die zu schönen Aussichten und gestalterischen Höhepunkten führen. Der sog. Pückler-Schlag, eine Sichtachse, die sich über den Hang des Siesebergs erstreckt, ermöglicht noch heute einen herrlichen Blick auf das Schloss und die umgebende Landschaft.

Mit Joseph Bruno stirbt die Familie von Mengersen zu Rheder 1873 im Mannesstamme aus. Der Besitz gelangt durch Erbfolge an die freiherrliche Familie Spiegel von und zu Peckelsheim.

Der seit 1949 unter Naturschutz stehende, mittlerweile verkleinerte Park hat seinen weiträumigen, wie ‚gemalt' erscheinenden Charakter bis heute erhalten. Links und rechts der Wege tauchen noch vor dem Laubaustrieb bunte Frühlingsblüher wie Buschwindröschen und Lerchensporn den Waldboden in ein wahres Blütenmeer.

Aus der Zeit Joseph Bruno Graf von Mengersens stammt die romantische Steinbrücke, an der scheinbar eine Quelle entspringt. Tatsächlich wird sie aber unterirdisch von Nethewasser gespeist und versorgt den von den Gänsen bewohnten Teich mit der Madonnenstatue.

Auf dem Rundweg durch die Netheaue spürt man, wie geschickt Graf Bruno die natürlichen Gegebenheiten der Landschaft für die Gestaltung seines Parks genutzt hat. Mit den grasenden Schafen wirkt der Park noch heute wie ein romantisches Landschaftsgemälde.

Am Ende des Rundwegs gelangt man zur Katharinen-Brücke, die ganz in der Nähe der Katharinenkirche aus dem Jahre 1718 liegt, einem Frühwerk des berühmten westfälischen Barockbaumeisters Schlaun.

 



Wie ein romantisches Landschaftsgemälde mutet das idyllische Ensemble von Herrenhaus, Brauereigebäude, Landschaftspark mit Aue und Gehölzen in Hanglage an. Der Park ist noch heute geprägt von eindrucksvoller Unberührtheit, die auch die 2003 hier ausgeführte Arbeit der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer harmonisch aufnimmt. Dabei sind die in mehr als dreißig teilweise verrottende Baumstämme eingearbeiteten Texte von Holzer und Henry Cole alles andere als behaglich und sacht. Sie appellieren an unser Verständnis von Moral und sind entlang der Wege und im Unterholz zu finden.

Am 6. September 2003 gab es eine zusätzliche Lichtprojektion in die attraktive Sichtachse des Parks, den sog. Pückler-Schlag. Kunst und Natur erschienen dabei als perfekte Symbiose. Die Stämme von Jenny Holzer bleiben noch bis 2009 im Park Rheder.

 



Von Gelb zu Rosa zu Grün: Hinter der langgestreckten Vorburg, von Johann Conrad Schlaun 1727 erbaut, liegt Schloß Rheder. Vom reichgeschmückten, achteckigen Rokokosaal geht der Blick hinaus in das weite Wiesental der Nethe und auf den bewaldeten Sieseberg.

"Die Natur hat durch die Gruppierung des Thales und der Höhen, und ganz besonders durch den Reichtum prachtvoller Waldvegetation, durch diese mächtigen alten Eichen und Buchen mit weithin sich streckendem Gezweig dem Schöpfer des Parks viel entgegengebracht", schreiben Levin Schücking und Ferdinand Freiligrath 1872 in "Das malerische und romantische Westfalen", "aber man muß einräumen, dass nur ein seltener Geschmack und ein sinniges, echt poetisches Verständnis landschaftlicher Schönheit diese Baumgruppen so ordnen, diese anmuthigen Pfade durch Wald und Rasenflächen so ziehen, diese ganze Blumen- und Laubwelt so gestalten konnte." Der künstlerische Geist von Josef Bruno Graf von Mengersen und seiner Frau Charlotte, die die Räume des Schlosses mit versierten Wandmalereien ausstattete, ist bis heute auf Rheder geblieben. Graf von Mengersen war Hofmarschall der Ehefrau von König Jerome Bonaparte und lernte als junger Adliger auf seinen Reisen nach Italien, Frankreich, in die Schweiz und nach Ungarn bedeutende Gärten und Parks kennen.

Über Landschaften liegen Erinnerungen an ihre Geschichte. Lyrik und Musik voller Landlust repräsentieren in ihrer Sinnenhaftigkeit und Zuflucht in die Pastorale die Rokokoseite des Barock, das andere Gesicht jener Zeit zeigt Schwermut und Tod als Vergänglichkeitsfeier. Über Werden und Vergehen in der Natur, die Kreisläufe von Kommen und Gehen, in die der Mensch eingebunden ist, lasen und sprachen Christian Brückner, Claudia Mischke, Michael Altmann, Yoko Tawada und Durs Grünbein. Die Liebe zur Schönheit der Natur und der Schrecken vor ihrer Wirklichkeit werden beide bedichtet. Die innere und die äußere Natur mit ihrer Sanftheit, Gewaltigkeit, mit ihren Extremen spiegelt sich in der Musik wider.