Schlosspark Wendlinghausen


Der Garten

Inmitten des Lipper Berglandes liegt das zwischen 1613 und 1616 durch Hilmar von Münchhausen erbaute Schloss Wendlinghausen. 1731 erwirbt die Familie von Reden das schlichte Schloss. Es ist ein Vertreter der Weserrenaissance, einer Zeit wirtschaftlicher Blüte im Weserraum, in der eine Vielzahl von Schlössern erbaut werden. Charakteristisch sind verzierte Schaugiebel und Zwerchhäuser (Dacherker) in der Dachzone sowie die "Utlucht", ein vom Erdboden ausgehender erkerartiger Vorbau. Als Pfahlrostbau mit zum Teil 400-jährigen Eichen in einen großen Teich hinein gebaut, war das Schloss ursprünglich von vier Seiten mit Wasser umgeben. Im 19. Jahrhundert lässt Ernst von Reden den Graben vor dem Schloss zuschütten und den neuen Haupteingang mit einer repräsentativen Sandsteintreppe versehen. Das steile Dach ist noch heute mit violettroten Sandsteinplatten aus dem Solling eingedeckt. Zusammen mit den vier Bruchsteinscheunen mit Krüppelwalmdächern, sowie eine das Areal umgebende Bruchsteinmauer ist die Gesamtanlage ein beeindruckendes Beispiel für einen repräsentativen Wohnsitz des lippischen Landadels.

Wendlinghausen wird im 17. und 18. Jahrhundert jahrzehntelang von Pächtern und Verwaltern bewirtschaftet, so dass in dieser Zeit wohl kein Park vorhanden war. Erst Johann von Reden (1731 -1791) pflanzt zahlreiche Bäume im "Redenholz" oder "Bosquett", darunter vornehmlich Eichen sowie die große Stieleiche am Hoftor. Die Anlage des Parks ist vor allem der Sammelleidenschaft Ernst von Redens (1806 - 1869) zu verdanken. In der ca. 2 ha großen Anlage pflanzt er zahlreiche fremdländische Bäume und Sträucher an.

Nach dem 1. Weltkrieg beauftragt sein Enkel Otto von Reden (1877 - 1962) den Königlich Preußischen Garteninspektor Paul Lässig aus Magdeburg mit der Umgestaltung des Parks. Dieser konzipiert ein Wegenetz, außerdem werden die Pflanzungen neu gruppiert und lange Durchblicke angelegt. Er pflanzt zeittypisch exotische Gehölze wie die riesige Hängebuche (Fagus sylvatica pendula) oder die Gruppe der orientalischen Fichten (Picea orientalis).

Trotz altersbedingter Verluste und Umgestaltungen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sind noch immer die Solitärbäume gestaltprägend wie ein fast zweihundert Jahre alter Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera) aus Amerika, eine Flügelnuss (Pterocarya fraxinifolia) aus dem Kaukasus und eine Japanische Magnolie (Magnolia kobus). An Nadelgehölzen sind besonders eine rund 180 Jahre alte Hemlocktanne (Tsuga canadensis), mehrere Riesenlebensbäume (Thuja plicata) sowie seltene Sapindusfichten (Picea orientalis) zu nennen. Seit dem Jahr 2004 sind die Gehölze mit ihren botanischen und deutschen Pflanzennamen sowie dem Jahr ihrer Pflanzung gekennzeichnet.

Im Frühjahr erfreuen den Besucher zahlreiche Frühjahrsblüher wie Schlüsselblumen, Lerchensporn, Buschwindröschen, Blaustern (Scilla) und Osterglocken. Dieses Arrangement gibt dem Schlosspark seinen außergewöhnlichen und malerischen Charakter.



Schloss Wendlinghausen bietet eine großartige Kulisse für die seit 2000 jährlich wechselnden Rauminszenierungen. Die arkadisch anmutende Szenerie wurde im Sommer 2000 zunächst von übergroßen, farbig vorpatinierten Bronzefrauen auf Stahltischen (Schütte) im Schlosspark bevölkert, die sinnlich verformt erschienen.

Martha Schwartz´ Gartenschmuck auf Sockeln im geometrischen Rasenmuster zeigten dagegen im Jahr darauf den Wunsch des Menschen auf, Territorien zu kontrollieren und zu vermenschlichen.

Mit Georg Condo kam die Musik in Form von hochglanzpolierten und sich in der Spiegelung nahezu selbst aufhebenden Stahlskulpturen zu Ehren von Jazzgrößen in den Garten. Mit der 10 Meter hohen Spinnenskulptur von Louise Bourgeois wurde der Park 2004 scheinbar wieder von ursprünglichen Bewohnern zurückerobert, doch stand die angsteinflößende Bronzeskulptur für die Mutter der Künstlerin.

Im Jahr 2005 konnte man in Baumhäusern von Tobias Rehberger Zuflucht nehmen. Seit 2011 ergänzt das "Cloudbuster Project"/Heaven and Sky, 2003/2008" von Christoph Keller den Kunstpfad rund um das Schloss & Gut Wendlinghausen.



Vom Schlosspark sind besondere Sichten und Einsichten möglich: da fällt der Blick auf das kunstvolle Weserrenaissanceschloss, dort bei den Teichen hat sich die Natur ein Stück des gestalteten Parks zurückgeholt, hier sieht man durch einen von Bäumen gebildeten Rahmen hinaus auf die bewirtschafteten Felder und Wiesen. Natur und Kunst, Alt und Neu, Tradition und Moderne, Erdverbundenheit und Weltoffenheit gehen ein harmonisches Miteinander ein; in diese Korrespondenzen fügen sich die Lesungen und Konzerte ein.

Seit der Renaissance wird die Natur nicht länger als etwas Wildes und Feindliches angesehen, sondern sie wird nachgeahmt, erforscht und künstlerisch gestaltet, sie ist für viele Künstlergenerationen zur Lehrmeisterin für Rhythmus und Proportionen geworden: Schönheit ist das Ebenmaß, die Zusammenstimmung, der Zusammenklang, die Harmonie, sie ist in der Natur zu finden und liefert damit ein Vorbild für die Kunst, die Malerei, die Musik, die Literatur und Architektur. "Von uns Künstlern bleibt nichts, aber unsere Mitmenschen werden durch unsere Bilder sprechen" - dieser Gedanke über Erkennen und Wiedererkennen, von der dänischen Schriftstellerin Inger Christensen dem Renaissancemaler Andrea Mantegna zugeschrieben, wird in Wendlinghausen in vielfacher Weise widergespiegelt. Petrarca kommt einem in den Sinn mit seinen Naturschilderungen, die einen Schnittpunkt mittelalterlichen und neuzeitlichen Denkens bilden.

Goethe, mit Vorfahren der jetzigen Schlossbesitzer befreundet, schreibt in seiner Italienischen Reise: "An den Gegenständen bilden heißt nicht Wissen sammeln, sondern ihre Existenz auf sich wirken lassen, um den höchsten Begriff dessen, was Menschen geleistet haben, zu bekommen" und erweist damit den Idealen der Renaissance größte Reverenz. Zeitgenössische Schriftsteller sprechen vom Gehen durch die Landschaft, vom geduldigen Hinhören und genauen Hinsehen auf die umgebenden Dinge, davon, wie sie durch ihr Schreiben über die Natur, die Welt und die Menschen Neues erfahren und dabei den Leser Wort für Wort wieder ganz nah an die Erscheinungen der Welt heranführen.